"Hometown Glory II"

Alternativer Titel: "Görlitz in 200 Jahren"

 

Görlitz- das ist der Schauplatz auf diesem Bild, die östlichste Stadt Deutschlands und mein Geburtsort.

Ich lebte dort bis zu meinem 19 Lebensjahr, bis es mich 2013 nach Erfurt zum Studieren zog. 

 

Auf diesem Bild ist die Ruine des famosen Jugendstil-Kaufhauses zu sehen, welches durch seine wunderschöne Architektur bei allen Görlitzern bekannt ist. Während meiner Schulzeit konnte man dort in 4 Etagen einkaufen, mittlerweile ist es seit 8 Jahren 

geschlossen. Außerdem lassen sich die "Überreste" einer Straßenbahn erkennen. Die "Linie 3 " brachte mich jeden Tag in die Schule und wieder zurück nach Hause.

 

Als dieses Bild in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit erregte, waren die Reaktionen überwiegend wohlwollend.

 

Endlich erobert sich die Natur ihr Land zurück! 

 

Doch war es der Kommentar einer älteren Dame, der mich bis heute beschäftigt. Sie war geschockt:

 

Wie können sie ihre Stadt nur so zerstört und in diesem furchtbaren Zustand abbilden?

 

Den zweiten Weltkrieg noch im Bewusstsein, erkannte sie darin nichts "Romantisches", sondern die Erinnerungen an eine, von Menschen verursachte Katastrophe, die vor rund 60 Jahren ihr Ende fand. 

 

Als ich dieses Bild zu Malen begann, richteten sich meine Überlegungen stets auf das "Was wäre wenn?", also die Zukunft. Nie war es meine Absicht jemanden mit diesem Bild zu verletzten oder Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg zu wecken. Oder vielleicht doch?

 

Ich war schon länger von postapokalyptischen Ansichten fasziniert und scherzte damals "meine Heimat in kompletter Verwüstung zu hinterlassen", bevor Ich mein Studium in Erfurt begann.

Für meine Bachelorarbeit sichtete ich Werke mit einem postapokalyptischen Rahmen und ich würde mal kühn behaupten, dass ich in den letzten Jahren alle Filme und Serien, in denen "Das Leben nach der, die Menschheit dahinraffenden Katastrophe" Thema ist, gesehen habe.

 

Umso tiefer ich in diese zerstörten Welten eintauchte, desto mehr stellte sich mir die Frage, was daran eigentlich so faszinierend ist. 

 

Industrienationen im 21. Jahrhundert: Wohlstand, technische Innovationen und materielle Güter im Überfluss...und dann wünschen sich alle die Apokalypse herbei? 

Als ich dieses Bild malte war mir Folgendes noch nicht bewusst: 

Vorstellungen einer Zukunft, gemalt, vertont, beschrieben oder verfilmt- sagen viel mehr über das Hier und Jetzt aus, als über die Zukunft, die sie uns vor Augen führen.

 

Ob es sich um ein Szenario in 200, 1000 oder 1 Milliarde Jahren handelt - völlig egal. 

Es ist immer die Gegenwart, die thematisiert wird.

 

Ich betrachte dieses Bild auch nach Jahren noch sehr gern, finde Gefallen an dem Lichteinfall, der Natur und den Dingen, die auf eine vergangene Zivilisation hinweisen. Meine anfängliche Verwirrung über die Schockreaktion der älteren Görlitzerin wich schließlich der Erkenntnis, doch ganz schön naiv zu sein

Ich und meine Generation, wie auch die meiner Eltern, wissen nicht was es heißt in Kriegszeiten zu leben.

Leid, Zerstörung und Gefahr begegnen uns nur auf dem Bildschirm. 

 

Ist wirklich eine riesige Zerstörungswelle notwendig, um die Dinge zu verwirklichen, die uns in diesem Bild gefallen? 

 

Wie Görlitz in 200 Jahren aussieht, werde ich ganz sicher nicht erleben. Ein Besuch dieser Stadt im Hier und Jetzt lohnt sich aber trotzdem. 

 

Material:

Digital, Wacom Intuos 3, Photoshop CC

2013

Ein Blick auf meine Arbeitsfläche während der Entstehung.
Ein Blick auf meine Arbeitsfläche während der Entstehung.
"Hometown Glory I"
"Hometown Glory I"
Faszination "Postapokalypse". Cormac Mc Carthy ist mit seinem   Werk "Die Straße" einer von zahlreichen Autoren, die das "Leben nach der Katastrophe" thematisieren.
Faszination "Postapokalypse". Cormac Mc Carthy ist mit seinem Werk "Die Straße" einer von zahlreichen Autoren, die das "Leben nach der Katastrophe" thematisieren.
Die Entstehung in 6 Schritten. Entstehungsschritte. Work in progress
Die Entstehung in 6 Schritten.


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